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Kritzeleien

Kritzelzeichnungen werden ohne Bedeutungsabsicht und ohne technische Fertigkeiten gefertigt, sie entstehen während der Verfasser einer anderen Tätigkeit nachgeht, sie sind nur teilbewusst.

Kritzelei entsteht nicht vorsätzlich, sondern nebenbei, es ist keine bewusste Unterscheidung getroffen worden. Die gestaltenden Kräfte, die sich in den Kritzeleien aus dem Unbewussten manifestieren, sind im Grunde dieselben, die auch in unseren Träumen am Werk sind. Es kann ihnen daher derselbe Wert wie in Träumen eingeräumt werden. Es gibt eine Nähe zum Tagtraum.

Es findet aber in der Regel keine Form der Selbstbeobachtung statt, deswegen ist das Ergebnis so gewichtig, es ist in der Regel ein Ergebnis, dass mit der inneren Natur und der momentan innerseelischen Stimmung des Verfassers übereinstimmt. Kritzeleien lassen einen Lebensprozess der Seele sichtbar werden. Hier bietet sich eine Assoziationstechnik an, also freie Einfälle und Ideen zu der jeweiligen Zeichnung zu sammeln, um den individuellen Sinn-Gehalt zu entschlüsseln. Sich selbst zu befragen, z.B. welche Gefühle lösen die Zeichnung auf?

Kritzelbilder stellen nach gestaltpsychologischen Untersuchungen in der Regel Gefühle dar, die in der Situation für den Verfasser eine besondere Bedeutung haben. So z.B. Ärger, Freude, Wut etc. Bestimmte Gefühlsqualitäten, die für den Verfasser von besonderer Bedeutung sind.

Im Sinne der Selbstpsychologie hat die Kritzelei durchaus auch eine Selbstobjektfunktion, d.h. dann, wenn ein Gesprächspartner pausenlos auf jemanden einredet, dann deuten z.b. geometrische Figuren auf den Versuch des Verfassers Struktur zu gewinnen, sich zunächst bildhaft abzugrenzen.

Das Zeichnen ist einer der typischen und kreativen Betätigungen des Menschen überhaupt, man kann davon ausgehen, dass schon die Frühformen des Homo sapiens mit einfachsten Mitteln, einem Stock oder einen Knochen sich ausgedrückt haben. Die frühe Höhlenmalerei ist ja ein Hinweis dafür. Die Analyse der Erwachsenenkritzeleien muss jedoch bis heute unvollständig bleiben. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass alle elementaren graphischen Zeichen vorkommen von der Silbe bis zu graphischen Zeichen in den Kritzelzeichnungen vom stilisierten oder fratzenhaften Gesicht bis zur komplexen Szene, vom Ausstreichen bis zur Übertreibung vorgedruckter Details.

Es ist sehr schwierig einfach etwas in Kritzeleien hinein zu deuten, ohne den Verfasser zu kennen. In einer tiefenpsychologischen Deutung kann es dann nur um bestimmte Kriterien gehen, die immer wieder in ähnlichen Zusammenhängen mit bereits bekannten Strukturen oder Formen auftreten und eher als eine Art Annäherung an den individuellen Sinn-Gehalt zu verstehen sind.
Kritzeleien sind jedoch, ob gedeutet oder nicht, eine Möglichkeit sich zu entlasten und aufgestaute Spannungen abzuführen.

Georg Franzen
Literatur:

Silvia Jilg et al (1995) Graphischer Ausdruck und Erkennen von Gefühlsqualitäten. Universität München: Forschungsbericht.

Cesare Pietroiuski (o.A). Graffiti, Kritzelzeichnungen und ihre Umweltinteraktion, In: Martin Schuster (Hrsg.) „Nonverbale Kommunikation durch Bilder“, S. 183-196. Stuttgart: Verlag für angewandte Psychologie.

Georg Franzen ( 2000 ) "Kritzeleien". Galileo. ProSieben Fernsehnsendung am 01.03.2000.

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